Wir veröffentlichen hier einen Schriftverkehr mit dem Bildungsministerium zu unserer Idee, die personelle Unterbesetzung in Kitas auf Landesebene statistisch zu erfassen.
Am 24. April 2024 haben wir folgende Mail an das Bildungsministerium verfasst:
Sehr geehrte Damen und Herren,
die Ergebnisse der Umfrage des Kita-Fachkräfteverbandes im November 2023 sowie aktuelle Berichte aus den Einrichtungen verdeutlichen, dass eingeschränkte Betreuungszeiten mittlerweile zur Realität in den rheinland-pfälzischen Kitas gehören.
Trotz der offiziellen Angabe des Bildungsministeriums von lediglich 6% unbesetzter Stellen, ist die Situation in den Kitas weitaus komplexer. Diese Prozentzahl allein vermag nicht zu erklären, warum die Aktivierung des Maßnahmenplans in rheinland-pfälzischen Kitas zur Tagesordnung gehört. Neben den vakanten Stellen gibt es eine Vielzahl weiterer Gründe, die zu personeller Unterbesetzung führen:
- Schwangere Kolleginnen, die in der Regel sofort ein Beschäftigungsverbot erhalten und ausfallen.
- Fachkräfte im Mutterschutz oder Elternzeit, die zwar noch als Beschäftigte gelten, jedoch für die Kinderbetreuung nicht zur Verfügung stehen, während befristete Stellen oft unbesetzt bleiben.
- Der jährliche Urlaubsanspruch von 30 Tagen, ergänzt um 2 Entlastungstage und optional 2 Umwandlungstage.
- Fort- und Weiterbildungen der Fachkräfte.
- Kurz- und langfristige Krankheitsausfälle.
- Arbeitszeiten, die nicht ausschließlich der direkten Kinderbetreuung gewidmet sind.
- Mangel an Vertretungskräften zur Kompensation von Ausfallzeiten.
- Unbesetzte Stellen aufgrund des Fachkräftemangels.
Wie groß ist das Problem der personellen Unterbesetzung in unseren Kitas wirklich? Wie wirkt er sich auf verlässliche und bedarfsgerechte Betreuungszeiten sowie die Qualität der frühkindlichen Bildung und Förderung aus? Diese Fragen sind von gesellschaftlichem und öffentlichem Interesse, denn Eltern, Kinder, Wirtschaft und Arbeitgeber sind auf qualitativ hochwertige und verlässliche Kita-Betreuung angewiesen.
Bisher fehlen jedoch verlässliche Daten, um das Ausmaß des Problems in unserem Bundesland zu erfassen. Ist die Unterbesetzung gleichmäßig über Rheinland-Pfalz verteilt oder gibt es besonders betroffene Städte oder Landkreise?
Der Kita-Fachkräfteverband fordert daher Transparenz und Klarheit bezüglich dieser Fragen. Um die Problematik anzugehen, ist es essenziell, das Ausmaß der Situation zu verstehen und ein differenziertes Bild der Lage zu erhalten.
Da jede Kita und jeder Träger an das digitale KiDz-Programm angeschlossen ist, plädieren wir dafür, ein Tool zu entwickeln, mit dem sämtliche Personalausfälle in den Kitas des Landes digital erfasst werden können. Dadurch wäre es möglich, monatlich über die personelle Situation der Kitas zu berichten.
Falls das KiDz-Programm nicht die erforderlichen Funktionen für die Erfassung der Personalausfälle bietet, erlauben wir uns alternativ auf die Erfassungsmöglichkeiten während der Corona-Pandemie hinzuweisen. In dieser Zeit wurde kurzfristig eine bundesweite Erfassung ermöglicht, was zeigt, dass es technisch machbar ist. Dies könnte als Beispiel für die Entwicklung eines neuen Tools dienen, um über die personelle Situation der Kitas monatlich zu berichten.
Die erfassten Daten würden eine solide Grundlage für mittelfristige Diskussionen bieten und politische Maßnahmen ermöglichen:
- Ist die im Kita-Gesetz festgeschriebene Personalisierung ausreichend, um eine zuverlässige und qualitativ hochwertige Betreuung, Bildung und Förderung zu gewährleisten?
- Wie viele Kitas schaffen es, alle Ausfälle durch Vertretungskräfte zu kompensieren, und wie viele scheitern daran?
- Verändert sich der Krankenstand in den Kitas?
- Wie viele befristete unbesetzte Stellen gibt es?
- Nimmt die Fachkräftelücke zu oder schließt sie sich, weil mehr Erzieher*innen ihre Ausbildung abschließen und dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen?
- Welchen Einfluss haben die zusätzlichen Entlastungs- und Umwandlungstage auf die personelle Unterbesetzung?
Wir hoffen, dass unsere Vorschläge zur Förderung von Transparenz im Kita-System auf Interesse beim Landesamt und dem Bildungsministerium stoßen und eine Umsetzung möglich ist.
Mit freundlichen Grüßen
Claudia Theobald
(Vorsitzende)
Am 23. Mai 2024 erhielten wir folgende Antwort vom Bildungsministerium:
Wir reagierten heute mit folgender erneuter Antwort:
Sehr geehrte Frau Roth,
vielen Dank für Ihre Antwort, zum Thema „statistische Erfassung von Personalausfällen,“ über die wir verbandsintern einige Zeit lang nachgedacht und diskutiert haben.
Die Rückmeldungen aus der Praxis zeigen uns, dass der Verdruss wegen eingeschränkter Betreuungszeiten und vakanter Stellen, die dauerhaft nicht besetzt werden können, steigt.
Weiterhin werden im Land zusätzliche Kitas ausgebaut und Plätze aufgrund der Bedarfe geschaffen, ohne dass Verantwortliche einen objektiven Einblick haben, ob diese Betreuungsplätze personalisiert werden können, bzw. ob überhaupt die bestehenden Einrichtungen voll personalisiert werden können. Den rheinland-pfälzischen Kita-Akteuren fehlen der Überblick und das Wissen darüber, wie verlässlich der seit 2021 geltende Rechtsanspruch auf eine mindestens siebenstündige Betreuung in der Praxis umgesetzt wird und ob die Kitas ihrem gesetzlichen Auftrag nach entwicklungsgemäßer Betreuung, Bildung, Erziehung und individueller Förderung adäquat entsprechen können.
Das KitaG spricht in § 28 davon, dass die Datenverarbeitung auch zu statistischen Zwecken erlaubt ist. Ziel sei es, das Gesamtsystem zu beobachten und zu steuern bzw. eine verbesserte Datenlage für eine realistischere Bedarfsplanung zu ermöglichen.
Die Maßnahmenpläne der Einrichtungen sind das wichtigste Instrument, um Kinder und Fachkräfte vor prekären Betreuungssituationen zu schützen. Gleichzeitig verzerrt ihre Aktivierung die Realität in den Einrichtungen. Eine Kommune kann vorgeben, ein bedarfsgerechtes Platzangebot vorzuhalten, weil die von den Eltern gewünschten Betreuungszeiten auf dem Papier stimmig sind. Wie oft Kinder früher abgeholt werden oder tageweise ganz zu Hause bleiben, wird nicht öffentlich sichtbar. Bei Kitas, die nach dem gesetzlich vorgeschriebenen Personalschlüssel besetzt sind, können Träger vorgeben, dass die Kinder eine gute pädagogische Qualität genießen, obwohl in der Praxis regelmäßig aufgrund Erkrankungen, Beschäftigungsverboten, Urlaub und Fortbildungen des Personals Notbetreuung herrscht und Personalausfälle nicht oder nur teilweise vertreten werden.
Wir bedauern, dass Sie eine technische Lösung, welche die tatsächliche Situation aller Einrichtungen im Land sichtbar machen könnte, für zu aufwendig halten.
Sie sprechen davon, dass Sie aus Studien und unterschiedlichsten formellen und informellen Austauschformaten Erkenntnisse gewinnen. Für wie aussagekräftig in Bezug auf die Gesamtlage halten Sie diese Erkenntnisse?
Zum Jahresende 2023 im rheinland-pfälzischen Landtag wurde über die erschreckenden Ergebnisse der im November erschienenen Umfrage des Kita-Fachkräfteverbands debattiert. Von Seiten der Bildungsministerin wurde in dieser Debatte ausgeführt, dass gut 1000 befragte Kita-Fachkräfte, die aus allen Kreisen und Kommunen unseres Bundeslands kamen, keinen objektiven Eindruck der Lage vermitteln würden. Im April 2024 kamen Datenjournalisten des SWR zu besorgniserregenden Ergebnissen bezüglich der Personalschlüssel in unseren Kitas. Prof. Armin Schneider führte in diesem Kontext aus, dass es viel wichtiger wäre zu wissen, wie viele Fachkräfte tatsächlich in den Einrichtungen für die Kinder zur Verfügung stehen. Das bildet der Personalschlüssel nicht ab.
Gibt es konkrete Pläne des Bildungsministeriums eine Studie in Auftrag zu geben, welchen die tatsächliche Fachkraft-Kind-Relation in den Einrichtungen flächendeckend sichtbar macht?
Der berechtigte Frust der Familien landet verständlicherweise meist erstmal in der Kita bei Fachkräften und Leitung. Die Kitas lernen zunehmend, Eltern an die richtigen Beschwerdestellen zu verweisen. Dort bekommen Sie dann nicht selten auf dem Papier gezeigt, dass die Lage doch gar nicht so schlecht sei und der Notstand ihrer Kita ein bedauerlicher Einzelfall oder einem vorübergehenden Engpass geschuldet sei.
Eine objektive Erfassung flächendeckender Daten wäre eine gute Diskussionsgrundlage für die verschiedenen Kita-Akteure auf den verschiedenen Ebenen.
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Der nachfolgende Text stammt von unserem Verbandsmitglied Manuel Hein, Initiator der erfolgreichen Petition “Kein Regelbetrieb in KiTas” (hier abrufbar):
Noch immer haben wir keine Reaktion der rheinland-pfälzischen Landesregierung. Wir ErzieherInnen sind zutiefst enttäuscht und fühlen uns alleine gelassen. Die Anzahl der Unterschriften (bundesweit sogar über 13.000) sollten verdeutlichen, dass es viele Menschen gibt, die über die derzeitige Lage besorgt sind.
Am 18.12.2020 wurde unsere Petition „Kein Regelbetrieb in KiTas“ an den Petitionsausschuss in Rheinland-Pfalz gesendet, des Weiteren wurde Sie den Fraktionen zugesandt. Die Plattform OpenPetition hat dann noch eine persönliche Stellungnahme bei den einzelnen Abgeordneten angefragt.
Gestern am 21.12.2020 fand eine Videokonferenz des Ausschusses für Bildung statt. Frau Anke Beilstein kritisierte das Vorgehen von Frau Dr. Hubigs Ministerium nicht nur im Bereich der Schulen, sondern auch der Kindertagesstätten mit deutlichen Worten. Leider prallte die berechtigte Kritik an Frau Dr. Hubig ab. Als es um den Regelbetrieb in den KiTas ging, sagte Frau Dr. Hubig: „(…) gut und richtig, dass wir es so gemacht haben.”
Wie es jetzt gemacht wird, ist aber keineswegs richtig, das zeigen alleine schon die neuen Erhebungen der AOK. Dort wird deutlich, dass ErzieherInnen die Berufsgruppe mit den meisten coronabedingten Arbeitsausfällen sind.
Mittlerweile sollte die Petition auch dem Bildungsministerium bekannt sein, trotzdem wurde sie während des Ausschusses nicht einmal erwähnt, obwohl das Thema schon eine große Medienpräsenz hat. Einzelne Abgeordnete der Opposition haben mittlerweile reagiert und den Forderungen oder zumindest einer Anhörung zugestimmt, leider reagiert niemand aus der derzeitigen Ampelregierung. Ist dies eine gewollte Verschleppungstaktik bis zum nächsten Treffen am 12.01.21? Es scheint in jedem Fall so.
Wir ErzieherInnen sind uns unserer Aufgabe und Notwendigkeit im System bewusst. Allerdings ist es auch unsere Aufgabe die Kinder zu schützen, denn auch bei Kindern gibt es schwere Krankheitsverläufe in Zusammenhang mit dem Coronavirus.
Familien, die dringend eine Notbetreuung brauchen, haben die Fachkräfte vor Ort im Blick und wurden auch in der Vergangenheit nicht alleine gelassen.
Reagieren Sie bitte endlich auf unsere Forderungen: KiTas und Familien brauchen Planungssicherheit!
Der nachfolgende Text stammt von unserem Verbandsmitglied Manuel Hein, Initiator der erfolgreichen Petition “Kein Regelbetrieb in KiTas” (hier abrufbar):
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