Die Schlagzeilen über eventuelle Schließungen integrativer Kitas in RLP bewegt viele Kita-Fachkräfte. Eine wesentliche Rolle bei dieser Thematik spielt der kommunale Zweckverband, der darüber verhandelt, wie ab Januar heilpädagogische oder integrative Kitas weitergeführt werden. Wir haben an den kommunalen Zweckverband geschrieben und aus der Perspektive der Kita-Praxis heraus unsere Bedenken geäußert.
Sehr geehrte Mitglieder des KommZB,
die Pressemeldungen bezüglich der Zukunft unserer integrativen und heilpädagogischen Kitas in RLP beunruhigen viele Kita-Fachkräfte zutiefst. Unseren Verband erreichen zahlreiche Informationen und Berichte von betroffenen Leitungen und Fachkräften, die sich große Sorgen machen. Der kommunale Zweckverband wird in diesem Zusammenhang immer wieder genannt. Die Kolleginnen und Kollegen befürchten Verhandlungsergebnisse des KommZB, die zu schlechteren Bedingungen für ihre Arbeit und die Ihnen anvertrauten Kinder führt. Dass Ende Oktober 22 noch nicht klar ist, wie es ab Januar 23 für die betroffenen Einrichtungen weitergehen soll, stößt auf großes Unverständnis.
Als Fachkräfteverband, dessen Mitglieder aus der täglichen Kita-Praxis kommen, stellt sich die Frage nach den konkreten Auswirkungen Ihrer Verhandlungsergebnisse auf den Kita-Alltag.
Auf der Metaebene ist das Prinzip der Inklusion für das Kita-System klar:
Jedes Kind ist ein Individuum mit unterschiedlichen Vorerfahrungen, Ressourcen, Bedürfnissen und Bedarfen. Es ist Teil der Kita-Gemeinschaft und wird bestmöglich individuell gefördert und begleitet. Nicht das Kind muss passend für die Kita gemacht werden, sondern alle Kitas sind passend für jedes Kind. Sie sind strukturell so aufgestellt und ausgestattet, dass sie den Bedarfen eines jeden Kindes gerecht werden.
Die aktuelle Kita- Realität sieht leider völlig anders aus. Der Fokus der Kita-Politik lag in den vergangenen Jahren auf dem quantitativen Ausbau der Kinderbetreuung. Während die Betreuungszeiten ausgeweitet und Kinder in immer jüngerem Alter betreut werden, wurde das erforderliche Geld für eine gute pädagogische Qualität bzw. kindgerechte und inklusive Rahmenbedingungen nicht in die Hand genommen. Unser Kita-System mit zu vielen Kindern auf engem Raum und Personalschlüsseln, die nicht kindgerecht sind, zeigt deutliche strukturelle Mängel. Unter diesen Voraussetzungen sind dem inklusiven Arbeiten enge Grenzen gesetzt.
Bereits Jahre vor der Ratifizierung der UN-BRK 2009 war in deutschen Kitas die gemeinsame Betreuung, Bildung und Förderung von Kindern mit und ohne Behinderung ein Thema, dem sich Kita-Fachkräfte mit Engagement widmeten. Seit mehr als 30 Jahren gibt es Bemühungen zur konkreten und praktischen Umsetzung in den Einrichtungen vor Ort.
Die vielfältigen Erfahrungen haben eines deutlich gezeigt: Es gibt Kinder mit besonderen Bedarfen, die gut in regulären Kitas betreut und gefördert werden können, wenn sie die notwendigen Unterstützungsmaßnahmen erhalten. Kinder, die kleine Gruppen, eine reizarme Umgebung und vielfältige therapeutische Unterstützung für ihre Entwicklung benötigen, kommen mit den Rahmenbedingungen einer regulären Kita nicht zurecht. Deshalb sind integrative und heilpädagogische Kitas unverzichtbar. Sie zeichnen sich durch bewährte Konzepte, langjährige Erfahrung und fachlicher Expertise in der heilpädagogischen Arbeit aus. Es gilt, diese Einrichtungen zu fördern und zu unterstützen. Auf keinen Fall dürfen sie einer Sparpolitik zum Opfer fallen.
In Zeiten eines massiven Mangels an Kita-Plätzen und Fachkräften werden viele Einrichtungen in den nächsten Jahren weder bedarfsgerechte Betreuungszeiten noch eine kindgerechte Betreuungsqualität gewährleisten können. Unter diesen Bedingungen ist es im Sinne der betroffenen Kinder kaum möglich, die inklusive Arbeit in Regelkitas auszuweiten. Dazu müssten Kinderzahlen reduziert und zusätzliche Kräfte mit heilpädagogischer Ausbildung eingestellt werden. Dass dies trotz langer Wartelisten in absehbarer Zeit Alltagspraxis in rheinland-pfälzischen Kitas wird, ist nicht vorstellbar.
Wenn Ihre Verhandlungen zu einer Schließung von heilpädagogischen und integrativen Einrichtungen führen, werden für behinderte Kinder, die mit den Rahmenbedingungen einer Regelkita überfordert sind, nicht mehr genug Betreuungsplätze zur Verfügung stehen.
Was Sie im KommZB verhandeln, wirkt sich damit unmittelbar auf die Teilhabechancen von Kindern mit besonderen Bedarfen und die Betreuungssicherheit für ihre Familien aus.
„Die Leistungen sollen bei den Leistungsberechtigten ankommen,“ heißt das treffend gewählte Motto Ihres Verbandes. Damit Sie das sicherstellen, müssen die Alltagsrealitäten in Regel- und Fördereinrichtungen in allen Verhandlungen mitbedacht werden.
Das gesamte Kita-System braucht Stärkung und Weiterentwicklung. Mehr Investitionen und kontinuierliche Verbesserungen sind notwendig, um dem Ziel kindgerechter Rahmenbedingungen für alle Kinder näherzukommen.
Der KommZB setzt sich aus Leuten zusammen, die politische Verantwortung tragen und Weichen für die Zukunft stellen. Es gibt nichts Wesentlicheres, als gute Bedingungen für das Aufwachsen unserer Kinder zu schaffen.
„Kinder halten uns nicht von Wichtigerem ab. Sie sind das Wichtigste.“
(C. S. Lewis, Schriftsteller)
Mit freundlichen Grüßen
Claudia Theobald
(Vorsitzende)
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Der nachfolgende Text stammt von unserem Verbandsmitglied Manuel Hein, Initiator der erfolgreichen Petition “Kein Regelbetrieb in KiTas” (hier abrufbar):
Noch immer haben wir keine Reaktion der rheinland-pfälzischen Landesregierung. Wir ErzieherInnen sind zutiefst enttäuscht und fühlen uns alleine gelassen. Die Anzahl der Unterschriften (bundesweit sogar über 13.000) sollten verdeutlichen, dass es viele Menschen gibt, die über die derzeitige Lage besorgt sind.
Am 18.12.2020 wurde unsere Petition „Kein Regelbetrieb in KiTas“ an den Petitionsausschuss in Rheinland-Pfalz gesendet, des Weiteren wurde Sie den Fraktionen zugesandt. Die Plattform OpenPetition hat dann noch eine persönliche Stellungnahme bei den einzelnen Abgeordneten angefragt.
Gestern am 21.12.2020 fand eine Videokonferenz des Ausschusses für Bildung statt. Frau Anke Beilstein kritisierte das Vorgehen von Frau Dr. Hubigs Ministerium nicht nur im Bereich der Schulen, sondern auch der Kindertagesstätten mit deutlichen Worten. Leider prallte die berechtigte Kritik an Frau Dr. Hubig ab. Als es um den Regelbetrieb in den KiTas ging, sagte Frau Dr. Hubig: „(…) gut und richtig, dass wir es so gemacht haben.”
Wie es jetzt gemacht wird, ist aber keineswegs richtig, das zeigen alleine schon die neuen Erhebungen der AOK. Dort wird deutlich, dass ErzieherInnen die Berufsgruppe mit den meisten coronabedingten Arbeitsausfällen sind.
Mittlerweile sollte die Petition auch dem Bildungsministerium bekannt sein, trotzdem wurde sie während des Ausschusses nicht einmal erwähnt, obwohl das Thema schon eine große Medienpräsenz hat. Einzelne Abgeordnete der Opposition haben mittlerweile reagiert und den Forderungen oder zumindest einer Anhörung zugestimmt, leider reagiert niemand aus der derzeitigen Ampelregierung. Ist dies eine gewollte Verschleppungstaktik bis zum nächsten Treffen am 12.01.21? Es scheint in jedem Fall so.
Wir ErzieherInnen sind uns unserer Aufgabe und Notwendigkeit im System bewusst. Allerdings ist es auch unsere Aufgabe die Kinder zu schützen, denn auch bei Kindern gibt es schwere Krankheitsverläufe in Zusammenhang mit dem Coronavirus.
Familien, die dringend eine Notbetreuung brauchen, haben die Fachkräfte vor Ort im Blick und wurden auch in der Vergangenheit nicht alleine gelassen.
Reagieren Sie bitte endlich auf unsere Forderungen: KiTas und Familien brauchen Planungssicherheit!
Der nachfolgende Text stammt von unserem Verbandsmitglied Manuel Hein, Initiator der erfolgreichen Petition “Kein Regelbetrieb in KiTas” (hier abrufbar):
Noch immer haben wir keine Reaktion der rheinland-pfälzischen Landesregierung. Wir ErzieherInnen sind zutiefst enttäuscht und fühlen uns alleine gelassen. Die Anzahl der Unterschriften (bundesweit sogar über 13.000) sollten verdeutlichen, dass es viele Menschen gibt, die über die derzeitige Lage besorgt sind.
Am 18.12.2020 wurde unsere Petition „Kein Regelbetrieb in KiTas“ an den Petitionsausschuss in Rheinland-Pfalz gesendet, des Weiteren wurde Sie den Fraktionen zugesandt. Die Plattform OpenPetition hat dann noch eine persönliche Stellungnahme bei den einzelnen Abgeordneten angefragt.
Gestern am 21.12.2020 fand eine Videokonferenz des Ausschusses für Bildung statt. Frau Anke Beilstein kritisierte das Vorgehen von Frau Dr. Hubigs Ministerium nicht nur im Bereich der Schulen, sondern auch der Kindertagesstätten mit deutlichen Worten. Leider prallte die berechtigte Kritik an Frau Dr. Hubig ab. Als es um den Regelbetrieb in den KiTas ging, sagte Frau Dr. Hubig: „(…) gut und richtig, dass wir es so gemacht haben.”
Wie es jetzt gemacht wird, ist aber keineswegs richtig, das zeigen alleine schon die neuen Erhebungen der AOK. Dort wird deutlich, dass ErzieherInnen die Berufsgruppe mit den meisten coronabedingten Arbeitsausfällen sind.
Mittlerweile sollte die Petition auch dem Bildungsministerium bekannt sein, trotzdem wurde sie während des Ausschusses nicht einmal erwähnt, obwohl das Thema schon eine große Medienpräsenz hat. Einzelne Abgeordnete der Opposition haben mittlerweile reagiert und den Forderungen oder zumindest einer Anhörung zugestimmt, leider reagiert niemand aus der derzeitigen Ampelregierung. Ist dies eine gewollte Verschleppungstaktik bis zum nächsten Treffen am 12.01.21? Es scheint in jedem Fall so.
Wir ErzieherInnen sind uns unserer Aufgabe und Notwendigkeit im System bewusst. Allerdings ist es auch unsere Aufgabe die Kinder zu schützen, denn auch bei Kindern gibt es schwere Krankheitsverläufe in Zusammenhang mit dem Coronavirus.
Familien, die dringend eine Notbetreuung brauchen, haben die Fachkräfte vor Ort im Blick und wurden auch in der Vergangenheit nicht alleine gelassen.
Reagieren Sie bitte endlich auf unsere Forderungen: KiTas und Familien brauchen Planungssicherheit!
Der nachfolgende Text stammt von unserem Verbandsmitglied Manuel Hein, Initiator der erfolgreichen Petition “Kein Regelbetrieb in KiTas” (hier abrufbar):
Noch immer haben wir keine Reaktion der rheinland-pfälzischen Landesregierung. Wir ErzieherInnen sind zutiefst enttäuscht und fühlen uns alleine gelassen. Die Anzahl der Unterschriften (bundesweit sogar über 13.000) sollten verdeutlichen, dass es viele Menschen gibt, die über die derzeitige Lage besorgt sind.
Am 18.12.2020 wurde unsere Petition „Kein Regelbetrieb in KiTas“ an den Petitionsausschuss in Rheinland-Pfalz gesendet, des Weiteren wurde Sie den Fraktionen zugesandt. Die Plattform OpenPetition hat dann noch eine persönliche Stellungnahme bei den einzelnen Abgeordneten angefragt.
Gestern am 21.12.2020 fand eine Videokonferenz des Ausschusses für Bildung statt. Frau Anke Beilstein kritisierte das Vorgehen von Frau Dr. Hubigs Ministerium nicht nur im Bereich der Schulen, sondern auch der Kindertagesstätten mit deutlichen Worten. Leider prallte die berechtigte Kritik an Frau Dr. Hubig ab. Als es um den Regelbetrieb in den KiTas ging, sagte Frau Dr. Hubig: „(…) gut und richtig, dass wir es so gemacht haben.”
Wie es jetzt gemacht wird, ist aber keineswegs richtig, das zeigen alleine schon die neuen Erhebungen der AOK. Dort wird deutlich, dass ErzieherInnen die Berufsgruppe mit den meisten coronabedingten Arbeitsausfällen sind.
Mittlerweile sollte die Petition auch dem Bildungsministerium bekannt sein, trotzdem wurde sie während des Ausschusses nicht einmal erwähnt, obwohl das Thema schon eine große Medienpräsenz hat. Einzelne Abgeordnete der Opposition haben mittlerweile reagiert und den Forderungen oder zumindest einer Anhörung zugestimmt, leider reagiert niemand aus der derzeitigen Ampelregierung. Ist dies eine gewollte Verschleppungstaktik bis zum nächsten Treffen am 12.01.21? Es scheint in jedem Fall so.
Wir ErzieherInnen sind uns unserer Aufgabe und Notwendigkeit im System bewusst. Allerdings ist es auch unsere Aufgabe die Kinder zu schützen, denn auch bei Kindern gibt es schwere Krankheitsverläufe in Zusammenhang mit dem Coronavirus.
Familien, die dringend eine Notbetreuung brauchen, haben die Fachkräfte vor Ort im Blick und wurden auch in der Vergangenheit nicht alleine gelassen.
Reagieren Sie bitte endlich auf unsere Forderungen: KiTas und Familien brauchen Planungssicherheit!
