Das Sprachförderprogramm des Bundes ist ausgelaufen. RLP setzt auf die alltagsintegrierte Sprachförderung nach dem Landescurriculum „Mit Kindern im Gespräch.“
Wer sich mit den Inhalten des Curriculums befasst, merkt schnell, dass alltagsintegrierte Sprachförderung nicht beiläufig oder nebenher geleistet werden kann. Damit sie gelingt, müssen Kita-Fachkräfte vor allem Zeit haben, sich allen Kindern persönlich intensiv zuwenden zu können.
Es stellt sich die Frage, ob und wie im Kita-Alltag unter den aktuellen Rahmenbedingungen dieses Konzept umsetzbar ist und wo die Stolpersteine bzw. Grenzen liegen.
Das Curriculum „Mit Kindern im Gespräch“ beinhaltet:
- Sprachförderstrategien (Frage- und Modellierungsstrategien, Strategien zur Konzeptentwicklung, Rückmeldestrategien)
- Aufgreifen von Schlüsselsituationen
- Situiertes Lernen
Frage- und Modellierungsstrategien
Einfache Strategien:
- Ja-/Nein- Fragen stellen
- alternative Fragen stellen
- Wissens- und Qiuizfragen stellen
- Handlungsbegleitendes Sprechen
Komplexe Strategien:
- Offene Fragen stellen
- W-Fragen stellen
- vertiefende Fragen stellen
- denkbegleitend sprechen
Strategien zur Konzeptentwicklung
Einfache Strategien:
- Anregungen zum Beschreiben, Benennen und Differenzieren von Dingen oder Lebewesen, Räumen, Orten und Zeiten, Gefühlen und Sinneswahrnehmungen geben.
- Beschreibende Adjektive verwenden (zum Beispiel wie groß, klein, weit, nah, welche Farbe Form, Anzahl)
- Anregung zum Beschreiben eigener Handlungen oder fremder Geschehnisse geben
Komplexe Strategien:
- Fragen zu Vorwissen, Kenntnissen und Erfahrungen stellen
- Fragen zu den eigenen Vorstellungen und Erklärungen stellen
- Meinungen erfragen
- Begründungen erfragen
- Nach Zusammenhängen und Hintergründen fragen
- Zum Vergleichen anregen
- Zum Nachdenken über Wörter und Ausdrücke anregen
Rückmeldestrategien
Einfache Strategien:
- Wiederholungen
- Indirekt korrigieren durch Wiederholung in koreekter Sprache
- Andere, neue und diferenzierende Formulierungen verwenden
- Erweiterung des Wortschatzes durch neue Begriffe
Komplexe Strukturen:
- Denken sichtbar machen
- In Frage stellen, hinterfragen, irritieren
- Kategorisieren und Systematisieren
- Lernprozesse sichtbar und anschaulich machen
vgl. G. Kammermeyer, S. King, P. Goebel, u. a. (2023): Mit Kindern im Gespräch Kita. Strategien zur Sprachbildung und Sprachförderung von Kindern in Kindertageseinrichtungen. Augsburg: Auer Verlag in der AAP Lehrerwelt GmbH.
Einfache Sprachförderstrategien
Die einfachen Strategien des Konzeptes lassen sich in den Kita-Alltag integrieren. Die pädagogischen Fachkräfte begleiten beispielsweise ihre Handlungen sprachlich oder wiederholen Äußerungen der Kinder und korrigieren dadurch indirekt. Sie stellen Fragen, die nicht nur mit Ja oder Nein beantwortet werden können oder führen neue und erweiterte Begriffe ein.
Pädagogische Fachkräfte sprechen fast durchgehend während ihrer Arbeit. Sie kommunizieren ständig mit Kindern, Eltern sowie mit ihren Kolleginnen und Kollegen. Kita-Teams müssen allerdings kritisch hinterfragen, wie viel sprachliche Interaktion in welcher Qualität mit den einzelnen Kindern am Tag stattfindet bzw. im oft hektischen, trubeligen und lauten Alltagsgeschehen möglich ist. Wie sieht das in Bezug auf junge Kita-Kinder aus, die sich mitten im Spracherwerb befinden und Kindern, die zuhause kein Deutsch sprechen oder sprachliche Entwicklungsverzögerungen aufweisen?
Die meisten Kitas beherbergen große heterogenen Kindergruppen. In vielen Einrichtungen sind daher geeignete sprachliche Vorbilder innerhalb der Peergroups nur begrenzt vorhanden. In einer Kita mit 100 Kindern von 2-6 Jahren befinden sich im Schnitt zwischen 40 und 50 Prozent selbst noch in der Phase des Grundspracherwerbs, der bei altersgerechter Entwicklung mit vier Jahren abgeschlossen sein sollte. Dazu kommen ältere Kinder, die Sprachentwicklungsverzögerungen aufweisen oder ohne bzw. mit nur geringen Deutschkenntnissen in die Kita kommen. Sie sind auf sprachliche Vorbilder und Sprachförderung stark angewiesen, um Defizite aufzuholen und mit guten Deutschkenntnissen eingeschult zu werden.
Aufgreifen von Schlüsselsituationen und situiertes Lernen
Die kontinuierliche Anwendung komplexer Sprachförderstrategien wäre im Kita-Alltag elementar wichtig. Sprache ist der Schlüssel zur Welt. Intensive sprachliche Interaktion ist für die Entwicklung eines altersgerechten Wortschatzes, komplexer Satzstrukturen, der Freude am Erzählen, der sprachlichen Darstellung eigener Erlebnisse, der Ausgestaltung von Aushandlungsprozessen und um Konflikte zu lösen, unerlässlich. Für das Aufgreifen von Schlüsselsituationen und um situiertes Lernen zu ermöglichen, ist es wichtig, Kinder zu beobachten, Interessen, Fragen, Ideen und Vorstellungen aufzugreifen, gemeinsam zu vertiefen, aus dem Alltag heraus umzusetzen und projektorientiert weiterzuentwickeln.
Dafür bräuchte das pädagogische Personal regelmäßig Zeit zum
- Betrachten und Lesen von Bilderbüchern, Geschichten und Kinderliteratur
- Beobachten, Initiieren und Begleiten von Rollenspielen
- Aufgreifen von Fragen, Ideen, Wünschen und Interessen der Kinder
- Projektorientierten Arbeiten in kleinen Interessensgruppen, um die Ideen der Kinder umzusetzen und zu vertiefen, Fragen aufzugreifen und neue Impulse zu geben
- Zeit für längere intensive Gespräche und zum Zuhören
- Zeit, um im Gespräch dem einzelnen Kind mit ehrlichem Interesse an seinen Erlebnissen, Sorgen, Nöten, Wünschen und Vorstellungen zu begegnen
- Zeit für Ausflüge und Exkursionen, um die (sprachliche) Welt außerhalb der Kita-Mauern kontinuierlich zu erweitern
- Zeit zum Diskutieren und Philosophieren, zum Nachdenken, Thesen aufstellen und Verwerfen zum Ausprobieren, Forschen und Lernen durch Versuch und Irrtum
Weiter ist zu beachten, dass frühkindliches Lernen nur im Kontext vertrauensvoller, verlässlicher Beziehungen gut gelingt und kontinuierlich verfügbare und zugewandte Bezugspersonen auch die Basis einer gesunden kindlichen Sprachentwicklung bilden.
Wie gut lässt sich das Konzept der alltagsintegrierten Sprachförderung unter den vorgegebenen Rahmenbedingungen umsetzen?
Unter den gesetzlich verankerten Betreuungsschlüsseln in RLP, die nach Ansicht der Fachleute nicht kindgerecht sind und weitab der Mindestanforderungen der Wissenschaft liegen, ist eine alltagsintegrierte Sprachförderung nur eingeschränkt und punktuell umsetzbar. Durch die unzureichende Personalisierung fehlt Zeit, um sich allen Kindern so zuzuwenden, dass eine kontinuierliche und qualitativ gute Sprachförderung gewährleistet werden kann.
Im Zuge der durchgehenden Betreuung von sieben oder mehr Stunden verbringen die meisten Kinder unter der Woche mehr ihrer wachen Zeit in der Kita als zuhause. Es kann deshalb nicht mehr selbstverständlich davon ausgegangen werden, dass Eltern die hauptsächliche Verantwortung für die Sprachentwicklung ihrer Kinder übernehmen. Die Kita ist auch in dieser Hinsicht zu einer Art Partnerorganisation der Familie geworden.
Um das Konzept der alltagsintegrierten Sprachförderung gut umsetzen zu können, bräuchte es entsprechende personelle Ressourcen.
Die in den rheinland-pfälzischen Kitas benannten Sprachbeauftragten bekommen weder zusätzliche zeitliche Ressourcen zur Verfügung gestellt noch eine finanzielle Anerkennung für ihre Aufgabe.
Unter diesen Voraussetzungen werden Sprachbeauftragte und Fachkräfte nur wenig zu einer besseren und intensiveren Sprachförderung in unseren Kitas beitragen können.
Claudia Theobald (Vorsitzende Kita-Fachkräfteverband RLP) am 13.7.2023
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Der nachfolgende Text stammt von unserem Verbandsmitglied Manuel Hein, Initiator der erfolgreichen Petition “Kein Regelbetrieb in KiTas” (hier abrufbar):
Noch immer haben wir keine Reaktion der rheinland-pfälzischen Landesregierung. Wir ErzieherInnen sind zutiefst enttäuscht und fühlen uns alleine gelassen. Die Anzahl der Unterschriften (bundesweit sogar über 13.000) sollten verdeutlichen, dass es viele Menschen gibt, die über die derzeitige Lage besorgt sind.
Am 18.12.2020 wurde unsere Petition „Kein Regelbetrieb in KiTas“ an den Petitionsausschuss in Rheinland-Pfalz gesendet, des Weiteren wurde Sie den Fraktionen zugesandt. Die Plattform OpenPetition hat dann noch eine persönliche Stellungnahme bei den einzelnen Abgeordneten angefragt.
Gestern am 21.12.2020 fand eine Videokonferenz des Ausschusses für Bildung statt. Frau Anke Beilstein kritisierte das Vorgehen von Frau Dr. Hubigs Ministerium nicht nur im Bereich der Schulen, sondern auch der Kindertagesstätten mit deutlichen Worten. Leider prallte die berechtigte Kritik an Frau Dr. Hubig ab. Als es um den Regelbetrieb in den KiTas ging, sagte Frau Dr. Hubig: „(…) gut und richtig, dass wir es so gemacht haben.”
Wie es jetzt gemacht wird, ist aber keineswegs richtig, das zeigen alleine schon die neuen Erhebungen der AOK. Dort wird deutlich, dass ErzieherInnen die Berufsgruppe mit den meisten coronabedingten Arbeitsausfällen sind.
Mittlerweile sollte die Petition auch dem Bildungsministerium bekannt sein, trotzdem wurde sie während des Ausschusses nicht einmal erwähnt, obwohl das Thema schon eine große Medienpräsenz hat. Einzelne Abgeordnete der Opposition haben mittlerweile reagiert und den Forderungen oder zumindest einer Anhörung zugestimmt, leider reagiert niemand aus der derzeitigen Ampelregierung. Ist dies eine gewollte Verschleppungstaktik bis zum nächsten Treffen am 12.01.21? Es scheint in jedem Fall so.
Wir ErzieherInnen sind uns unserer Aufgabe und Notwendigkeit im System bewusst. Allerdings ist es auch unsere Aufgabe die Kinder zu schützen, denn auch bei Kindern gibt es schwere Krankheitsverläufe in Zusammenhang mit dem Coronavirus.
Familien, die dringend eine Notbetreuung brauchen, haben die Fachkräfte vor Ort im Blick und wurden auch in der Vergangenheit nicht alleine gelassen.
Reagieren Sie bitte endlich auf unsere Forderungen: KiTas und Familien brauchen Planungssicherheit!
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