In Zeiten fehlender Kita-Plätze und des Personalmangels wird immer mal wieder an die Haltung der Fachkräfte appelliert. Die Situation in den Kitas sei nicht einfach, aber mit der richtigen Haltung sei der Kita-Alltag gut zu bewältigen und mit positivem Denken könne jede Fachkraft den Kindern gerecht werden. Kita-Fachkräfte müssten eben auch mal zuhause päd. Angebote vorbereiten, Aufgaben übernehmen, für die sie nicht zuständig sind, auf ihre Mittagspause verzichten, Überstunden machen oder eine Kita-Gruppe allein betreuen. Durch diese Haltung zeige die Fachkraft, dass ihr die Familien und Kinder am Herzen lägen und sie für ihren Arbeitgeber eine loyale, engagierte und sozial eingestellte Arbeitskraft sei.
Ist das die richtige und wünschenswerte Haltung einer Kita-Fachkraft? Oder hat nicht genau diese Haltung mit dazu geführt, dass unser Kita-System kollabiert?
„Wir haben schon so viel geschafft, dann schaffen wir das auch noch“ war der Schlachtruf vieler Kita-Teams in den letzten 25 Jahren. Die Ganztagesbetreuung und Kleinkindbetreuung wurden ausgebaut, weil die gesellschaftlichen Realitäten dies notwendig machten. Der Auftrag an die Erzieher*innen war stets, dass zusätzliche Aufgaben ohne große zusätzliche Ressourcen erledigt werden sollten. Viele Kita-Fachkräfte sind kreative Problemlöser*innen. Und so wurden Besenkammern zu Wickelräumen umgestaltet, Nebenräume zum Ruhen, und manche Kita opferte ihr Teamzimmer oder das Büro der Leitung, um mehr Platz für die Kinder zu schaffen. Immer mehr Kinder wurden ganztags und die Zweijährigen entgegen den Erkenntnissen der Frühpädagogik und Entwicklungspsychologie in großen Gruppenstärken mit unzureichendem Betreuungsschlüssel mitbetreut. Die Hoffnung der Fachkräfte war meist (und so wurde ihnen das oft vermittelt), dass die Kompromisse nur vorübergehender Natur seien, da natürlich bald die Personalschlüssel verbessert und die Gruppengrößen verkleinert würden. Es ginge aber jetzt erst mal darum, Engpässe abzufedern. Die bald zu erwartenden geburtenschwachen Jahrgänge eröffneten den Kitas dann wieder mehr Spielräume, wurde versprochen. Allen sei klar, dass für eine gute frühkindliche Bildung entsprechende Rahmenbedingungen geschaffen und auch finanziert werden müssten.

Die Fachkräfte gerieten immer mehr unter Druck und erlebten, dass sich die Kitas in eine problematische Richtung entwickelten. Individuelles Eingehen auf die verschiedenen Altersgruppen, gemeinsam mit den Kindern in Kleingruppen forschen und Projekte zu entwickeln wurde immer weniger möglich, aber auch Zeit zum Vorlesen, miteinander spielen und erzählen oder die Kinder zu beobachten, fehlte. Die Kita-Fachkräfte wurden unzufrieden oder resignierten. Sie fingen an, auf die Umstände zu schimpfen, klagten und jammerten. Meistens machten sie aber trotzdem so weiter wie bisher und hielten das Bild von der vorbildlichen frühpädagogischen Bildungsstätte nach außen hin aufrecht. Dieses ambivalente Verhalten führt bis heute auch immer wieder zu Konflikten mit Eltern. Erzieher*innen reagieren nicht selten empfindlich und gekränkt, wenn Eltern beispielsweise nachhaken, warum Bewegungsangebote und die Vorschul-AG ausfallen, kaum Ausflüge gemacht werden und wann ihr Kind endlich mal wieder an einem Projekt teilnehmen oder kreativ gestaltete Werke mit nach Hause bringen würde. „Sehen die Eltern nicht, wie es hier zugeht?“ „Was soll ich denn noch alles machen, ich bin froh, wenn wir hier heil den Tag überstehen.“ Diese Klagen hört man in vielen Kita-Teams. Die Haltung der Kita-Fachkräfte, nach außen hin ein positives Bild zu vermitteln und alles zu tun, dass es möglichst wenig Beschwerden gibt, wird ihnen zum Verhängnis und trübt die Erziehungs- und Bildungspartnerschaft.
Wie sieht eine professionelle Haltung aus, wenn ich als fachlich kompetente und engagierte Fachkraft in einer Kita arbeite und mit der Situation, wie sie nun mal ist, zurechtkommen muss?
“Haltung ist eine kleine Sache, die einen großen Unterschied macht.“
Winston Churchill
Zuerst geht es um Prioritäten und dann darum, wo die Verantwortung als Fachkraft oder Leitung beginnt und wo sie endet. An erster Stelle und im Mittelpunkt stehen die Kinder. Die Fachkraft hat den gesetzlichen Auftrag sie (bedürfnisorientiert) zu betreuen, zu bilden und zu fördern. Eine Erzieherin mit Haltung wird beispielsweise darauf bestehen, dass ein U3 Kind die Zeit bekommt, die notwendig ist, um eine sichere stabile Bindung zu seiner Bezugserzieherin aufzubauen. Kein Druck eines Arbeitgebers ist wichtiger als das Wohl des Kindes. Kita-Fachkräfte mit Haltung nehmen Forderungen der Eltern nicht persönlich, sondern machen anhand des Maßnahmenplans der Einrichtung transparent, wie es in der Kita aktuell aussieht, wie viel Personal zur Verfügung steht, was in der jeweiligen Situation leistbar ist und wo die Grenzen liegen. Sie sind bereit, kurzzeitig mit Flexibilität und Überstunden akute Engpässe zu überbrücken. Eine Erzieherin mit Haltung wird aber nicht zulassen, dass die Kita zur reinen Verwahranstalt verkommt, weil sie bereit ist, in dauerhaft in Unterbesetzung zu arbeiten und ihre Aufsichts- und Fürsorgepflicht zu gefährden. Sie wird nicht immer mal wieder fachfremde Aufgaben (wie Kochen oder Abwasch) übernehmen und dafür in Kauf nehmen, dass die Kinder nicht gut betreut werden. Eine Erzieherin mit Haltung wird vernünftige Arbeitsbedingungen von ihrem Träger einfordern und nicht regelmäßig auf ihre gesetzlich vorgeschriebenen Pausenzeiten verzichten, die Vorbereitungszeiten in den Feierabend verlegen und so viele Überstunden machen, dass sie nie wieder abgebaut werden können. Eine Fachkraft mit Haltung weiß, wo ihre Verantwortung endet und wann Träger, Jugendämter oder die Politik in der Pflicht stehen das Kindeswohl und die betrieblichen Abläufe zu sichern, ein bedarfsgerechtes Angebot und kindgerechte Rahmenbedingungen zu schaffen. Trotz aller Widrigkeiten wird sie den Kindern empathisch begegnen, einen positiven Blick aufs Leben und die Welt vermitteln, sich mit den Kindern freuen und mit ihnen lachen, sie ermutigen und wenn nötig trösten und aufbauen.
Die nächsten Jahre in den Kitas werden schwierig bleiben, bis sich mittel- und langfristig die Lage hoffentlich entspannt und unsere Gesellschaft endlich begreift, wie wichtig eine gute pädagogische Qualität für die Kita-Betreuung und die kindliche Entwicklung ist.
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Der nachfolgende Text stammt von unserem Verbandsmitglied Manuel Hein, Initiator der erfolgreichen Petition “Kein Regelbetrieb in KiTas” (hier abrufbar):
Noch immer haben wir keine Reaktion der rheinland-pfälzischen Landesregierung. Wir ErzieherInnen sind zutiefst enttäuscht und fühlen uns alleine gelassen. Die Anzahl der Unterschriften (bundesweit sogar über 13.000) sollten verdeutlichen, dass es viele Menschen gibt, die über die derzeitige Lage besorgt sind.
Am 18.12.2020 wurde unsere Petition „Kein Regelbetrieb in KiTas“ an den Petitionsausschuss in Rheinland-Pfalz gesendet, des Weiteren wurde Sie den Fraktionen zugesandt. Die Plattform OpenPetition hat dann noch eine persönliche Stellungnahme bei den einzelnen Abgeordneten angefragt.
Gestern am 21.12.2020 fand eine Videokonferenz des Ausschusses für Bildung statt. Frau Anke Beilstein kritisierte das Vorgehen von Frau Dr. Hubigs Ministerium nicht nur im Bereich der Schulen, sondern auch der Kindertagesstätten mit deutlichen Worten. Leider prallte die berechtigte Kritik an Frau Dr. Hubig ab. Als es um den Regelbetrieb in den KiTas ging, sagte Frau Dr. Hubig: „(…) gut und richtig, dass wir es so gemacht haben.”
Wie es jetzt gemacht wird, ist aber keineswegs richtig, das zeigen alleine schon die neuen Erhebungen der AOK. Dort wird deutlich, dass ErzieherInnen die Berufsgruppe mit den meisten coronabedingten Arbeitsausfällen sind.
Mittlerweile sollte die Petition auch dem Bildungsministerium bekannt sein, trotzdem wurde sie während des Ausschusses nicht einmal erwähnt, obwohl das Thema schon eine große Medienpräsenz hat. Einzelne Abgeordnete der Opposition haben mittlerweile reagiert und den Forderungen oder zumindest einer Anhörung zugestimmt, leider reagiert niemand aus der derzeitigen Ampelregierung. Ist dies eine gewollte Verschleppungstaktik bis zum nächsten Treffen am 12.01.21? Es scheint in jedem Fall so.
Wir ErzieherInnen sind uns unserer Aufgabe und Notwendigkeit im System bewusst. Allerdings ist es auch unsere Aufgabe die Kinder zu schützen, denn auch bei Kindern gibt es schwere Krankheitsverläufe in Zusammenhang mit dem Coronavirus.
Familien, die dringend eine Notbetreuung brauchen, haben die Fachkräfte vor Ort im Blick und wurden auch in der Vergangenheit nicht alleine gelassen.
Reagieren Sie bitte endlich auf unsere Forderungen: KiTas und Familien brauchen Planungssicherheit!
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